Welche Lebensräume braucht der Steinkauz?

Junger Steinkauz in altem Apfelbaum - Foto: Benno Brossette

Gedanken von Eulenexperte Benno Brossette

Als ich vor vielen Jahren anfing, nach Steinkäuzen zu suchen, hatte ich das Schlüsselerlebnis, als in der Morgendämmerung ein Steinkauz auf dem Schornstein eines alten Bauernhauses saß. Das war 1979. In der Folgezeit konnte ich noch an drei weiteren Stellen natürliche Vorkommen feststellen.

Mit Unterstützung von Ludwig Schwarzenberg begann ich nach und nach, von ihm entwickelte Brutröhren zu bauen, die ich auf Obstbäumen zwischen Berus und Biringen montierte. Im Laufe der Jahre kamen ca. 100 dieser Röhren zustande. Durch Gespräche mit älteren Bauern stellte sich heraus, dass die Art auf dem Saar-Niedgau einst weit verbreitet war, wenn auch nicht häufig. Durch Verlust der Höhlenbäume setzte in den 60er- und 70er-Jahren wie auch anderswo ein drastischer Bestandsrückgang ein. Da die künstliche Brutröhre vom Steinkauz sehr gern angenommen wurde, konnte ein minimaler Restbestand von nur vier Brutpaaren über die Jahre erhalten bleiben. Wobei davon nur zwei Paare wirkliche Standpaare waren, die jedes Jahr an gleicher Stelle brüteten. Die anderen konnten sich nur ein bis maximal drei Jahre halten, dann waren sie wieder verschwunden. In diesem langen Zeitraum stellte ich auch insgesamt an 3 Stellen Bruten in natürlichen Baumhöhlen fest. Dadurch wusste ich, wie Höhlen aussehen, die für eine Steinkauzbrut geeignet sind. Die Baumhöhlen waren tief und erinnerten an ein Labyrinth. Alle drei Höhlenbäume wurden nach wenigen Jahren von den Eigentümern gefällt. Da es nun seit Jahrzehnten keinen richtigen Streuobstanbau mehr gibt, konnten wieder einige tiefe Baumhöhlen „ungestört“ nachwachsen. Aber nur ganz wenige sind steinkauzgerecht. Diese Eulenart stellt in unserer Region Ansprüche an die Bruthöhle. Der Saar-Niedgau ist für den kleinen Kauz grenzwertig. Der Steinkauz bevorzugt eigentlich tiefere, milde Lagen. Streuobstwiese ist auch der falsche Ausdruck. Es müsste eher heißen Streuobstwald. Bei Neuanpflanzungen werden meiner Meinung nach die Bäume viel zu dicht gepflanzt. Der offene Landschaftscharakter geht verloren, und es kommt auch weniger Sonne auf die Wiese. Der Steinkauz wird von Naturschützern immer gern als typische Art für Streuobstwiesen bezeichnet. Das trifft nicht zu. Obstbäume haben diese Art noch nie interessiert, nur die Höhlen darin. Steinkäuze fliegen nicht gern in dichte Baumkronen. Sie setzen sich auf die Baumspitze oder unterhalb der Krone auf dürre Äste. Weidepfosten und andere Erhebungen sind wichtiger als Obstbäume. Beim Einsatz von Nisthilfen dienen Obstbäume nur noch als Befestigungsmöglichkeit.

In den letzten 30 Jahren haben auf dem Saar-Niedgau nachweislich ca. 53 Steinkauzbruten stattgefunden, inklusive Naturbruten. Davon fanden 35 Bruten unterhalb 300 Meter NN statt, 18 über 300 Meter. Allerdings sind etwa ein Drittel aller festgestellten Bruten gescheitert (verlassene Gelege) aufgrund von Störungen. Es trifft nicht immer zu, was in der Literatur steht. Nämlich wie wichtig die Erreichbarkeit der Nahrung durch ganzjährig niedrigen Bewuchs ist. Ich konnte oft beobachten, wie der Kauz bei warmem Wetter Insekten über hohem Bewuchs im Flug erbeutete. Die Brut befand sich in einer  Apfelbaumhöhle, umgeben von Getreidefeldern, und war erfolgreich. Ein Getreidefeld, das nicht gedüngt und gespritzt wird, in dem Kornblumen wachsen, ist ein wertvoller Lebensraum, den es schon seit Menschengedenken gibt. Die vielgepriesenen Viehweiden können minderwertig sein, je nachdem wie intensiv die Beweidung ist. Trotz niedrigem Bewuchs und Nahrungserreichbarkeit bieten sie dem Steinkauz nur wenig Nahrung. Im Gegensatz zu Kalkmagerrasen, die reich an Insektennahrung sind. Auch die bei Naturschützern verhassten Maisfelder sind ungedüngt im Frühstadium für Steinkäuze gut geeignet, wenn zwischen den jungen Maispflänzchen noch viel Erde sichtbar ist. Als würden die weidenden Kühe Böden und Gräben nicht schon genug düngen, wird die Gülle aus der Massentierhaltung auch noch auf die Felder ausgebracht.

Da ich in 30 Jahren keinen Steinkauzverlust durch Marder festgestellt habe, wage ich es, auf flächendeckende Marderabwehrmechanismen zu verzichten, bis auf spezielle Ausnahmefälle. Denn keine Marderabwehr der Welt funktioniert wirklich, bringt aber eher neue Probleme.

Die vielen Steinkauzröhren Jahr für Jahr zu kontrollieren und instand zu halten, besonders wenn sie nicht belegt sind, ist nicht immer angenehm, ist aber bei allen Arten von Nisthilfen leider notwendig. Dennoch ist es langfristig nicht gelungen, diesen alten „Minibestand“, bestehend aus zwei zuverlässigen und zwei beziehungsweise drei unzuverlässigen Revieren zu erhalten, geschweige denn zu vergrößern. Die Ursachen dafür sind mir seit langem bekannt. Die Reproduktionsrate von solch wenigen Steinkäuzen reicht nicht aus, um die Art zu erhalten. Einen geringen Wildbestand mit Nachzüchtungen zu stützen, was von Experten befürwortet wird (Mebs, Scherzinger), wurde vom Umweltministerium damals abgelehnt.

Warum schreibe ich eigentlich diese Zeilen?
Nachdem 2005 nachweislich die letzte Steinkauzbrut auf dem Saar-Niedgau stattgefunden hat, sah es danach jahrelang düster aus. Durch jährliche Kontrollen und Reinigung der Röhren fallen Veränderungen schnell auf. Auch Baumhöhlen werden von mir untersucht und verbessert, zum Beispiel, indem ich Baumerde herausnehme. 2011 habe ich wieder ein neues Revier festgestellt. Von Revier kann nur die Rede sein, wenn sich Steinkäuze längere Zeit darin aufhalten. Unverpaarte Exemplare, die auch auf Klangattrappen antworten, bleiben nicht an einer Stelle, sondern wandern umher. Dieses neue Revier befindet sich auf einer südlich exponierten Kalkmagerwiese in tiefer Lage. Hier wurde vorher noch kein Steinkauz festgestellt. Einige Röhren in den traditionellen Steinkauzgebieten des Niedgaues haben auch wieder Benutzungsspuren (Kot, Gewölle).

Die kleine Eulenart scheint wiederzukommen. Sollte der Klimawandel dies begünstigen?